Was ist eine Beinprothese?
Eine Beinprothese ersetzt ganz oder teilweise ein fehlgebildetes oder amputiertes Bein. Sie soll dabei helfen, Mobilität und Stabilität zurückzugewinnen und damit Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit im Alltag zu erhalten.
Die moderne Beinprothetik bietet sehr unterschiedliche Versorgungsmöglichkeiten – von Teilfußlösungen über Unterschenkel- und Oberschenkelprothesen bis hin zu Hüft-Ex Versorgungen mittels Beckenkorb oder Orthoprothesen nach einer Borggreve Umstellungs Osseotomie.
Es werden mechanische Bauteile, bis hin zu Mikroprozessor gesteuerten Füßen und Kniegelenken eingesetzt. Welche Versorgung sinnvoll ist, hängt immer von der individuellen Situation ab.
Entscheidend sind unter anderem die Amputationshöhe, körperliche Voraussetzungen, Alltag, Beruf, Mobilitätsziel, Stumpfsituation, Training, persönliche Anforderungen und Vorhaben.
Inhaltsverzeichnis
Bei aller Mikroprozessortechnik – passen muss es!
Die „Verbindung“ zum Träger nennen wir in der Prothesentechnik den Prothesenschaft. Aus unserer Sicht das wichtigste „Bauteil“ einer Prothese. Hier entsteht der direkte Kontakt zwischen Reststumpf und Kunstbein. Wenn der Schaft vom Anwender nicht akzeptiert werden kann, ist es schier unmöglich, ein gutes Gangbild auf Dauer zu generieren! Wer läuft schon gerne mit Schmerzen und Druckstellen weite Strecken?
Auch hier hat es in den letzten Jahrzehnten einige Verbesserungen gegeben. Jedoch gilt gerade im Schaftbereich, zumindest aus unserer Sicht, dass der Schaft zum Anwender passen muss und nicht der Anwender sich auf den Schaft anzupassen hat!

Im Orthopädiehandwerklichen Regelbetrieb spricht man gerne vom Schaft nach „aktuellem Stand der Technik“. Gerne werden moderne Schaftformen eingesetzt, jedoch ohne z.B. vorab zu prüfen, ob der notwendige Muskelstatus überhaupt vorhanden ist um ein aktives Schaftsystem nutzen zu können. Es verbietet sich damit auch eine „nicht-definierbare Eimerform“ als „Hybrid-Schaftform“ zu verkaufen, nur weil der Kunde es so gewünscht hat.
Wir finden individuelle Lösungen für unsere Kunden, die der handwerklichen Kunst tatsächlich entsprechen.
Versorgungsmöglichkeiten / -arten der Amputationshöhen
Zehenprothesen und Vorfußprothesen
Auch kleinere Amputationen im Bereich einzelner Zehen oder des Vorfußes können Stabilität, Gangbild, Abrollverhalten und Belastbarkeit beeinflussen. Je nach Situation kommen Teilfußprothesen, Vorfußprothesen, orthopädische Schuhversorgungen oder spezielle Einlagen zum Einsatz.
Unterschenkelprothesen
Bei einer Unterschenkelamputation bleibt das Kniegelenk erhalten. Dadurch bestehen häufig gute Voraussetzungen für eine hohe Mobilität. Besonders wichtig sind ein gut passender Schaft, je nach Versorgungsart, ein geeigneter Liner und ein Prothesenfuß, der zu Alltag und Aktivitätsniveau passt.
Oberschenkelprothese
Bei einer Oberschenkelamputation wird zusätzlich das natürliche Kniegelenk ersetzt. Dadurch wird die Versorgung technisch anspruchsvoller. Neben Schaft und Prothesenfuß spielt hier die Auswahl und Einstellung des Kniegelenks eine zentrale Rolle.
Zum Einsatz kommen je nach Situation mechanische, hydraulische oder mikroprozessorgesteuerte Kniegelenke.
Knie-Exartikulation
Bei einer Knie-Exartikulation erfolgt die Abtrennung im Bereich des Kniegelenks und nicht durch den Oberschenkelknochen. Dadurch bleibt die obere Gelenkfläche erhalten.
Vorteile können unter anderem eine belastbare Stumpfendfläche, ein guter Halt im Schaft, sowie ein langer Hebel für eine gute Kraftübertragung für die Prothesenversorgung sein. Gleichzeitig stellt diese Versorgungsform eigene Anforderungen an Aufbau, Kniegelenk und Kosmetik. Insbesondere der unphysiologische Kniedrehpunkt ist als Nachteil zu nennen.
Hüftexartikulation und sehr hohe Amputationen
Bei sehr hohen Amputationen im Bereich der Hüfte sind besonders individuelle Versorgungskonzepte notwendig. Diese Versorgungen stellen häufig hohe Anforderungen an Stabilität, Energieaufwand, Training, Schaftgestaltung und Rehabilitation.
Umstellungsosseotomie nach Borggräve
Die Umstellungsosteotomie nach Borggräve ist ein spezielles operatives Verfahren, bei dem der amputierte Fuß im Sprunggelenk rotiert und auf den oberen Part des Kniegelenks gesetzt wird. Der umgedrehte Fuß übernimmt später funktionell die Aufgabe eines Kniegelenks innerhalb der Orthoprothese.
Dadurch ist es möglich, eine hohe Entbelastbarkeit auf der ehemaligen Fußsohle zur erreichen und das Gefühl der Körpereigenen „Kniebeugung“ zu erhalten. Gleichzeitig handelt es sich um eine sehr spezielle Versorgungsform, die hohe Anforderungen an Chirurgie, Rehabilitation und Orthopädietechnik stellt und eine enge Zusammenarbeit dieser erfordert.
Bestandteile einer Beinprothese
Schaft
Der Schaft verbindet den Körper individuell auf den Stumpf angepasst mit der Prothese und ist der wichtigste Bestandteil der Versorgung. Eine gute Schaftpassform ist entscheidend für Komfort, Kontrolle, Belastbarkeit und Sicherheit.
Liner
Viele moderne Versorgungen nutzen sogenannte Liner. Dabei handelt es sich um ein weiches Zwischenmaterial zwischen Stumpf und Prothesenschaft. Liner bieten Haftung, können Druck verteilen, Scherkräfte minimieren, den Komfort verbessern und die Verbindung zur Prothese herstellen.
Prothesenfuß
Je nach Versorgung und Kundenanforderung kommen unterschiedliche Prothesenfüße zum Einsatz. Sie unterscheiden sich zum Beispiel hinsichtlich Stabilität, Beweglichkeit, Dämpfung, Energierückgabe, Gewicht und Einsatzbereich.
Kniegelenk
Bei Oberschenkelprothesen spielt zusätzlich zum Fuß, das Kniegelenk eine zentrale Rolle. Es beeinflusst Sicherheit, Standphase, Schwungphase, Gangbild und Alltagstauglichkeit. Moderne Kniegelenke reichen von starren, händisch auszulösenden Systemen über mechanische Systeme, hydraulische Gelenke bis zu mikroprozessorgesteuerten Lösungen.
Adapter & Verbindungselement
Zur Beinprothese gehören außerdem Adapter, Rohradapter, Arretierungen und Verbindungselemente. Sie müssen fachgerecht ausgewählt, aufgebaut und eingestellt werden, damit Statik, Sicherheit und Funktion der Prothese zum Nutzer passen.

Moderne Technologien in der Beinprothetik
Heute kommen unter anderem Carbontechnologien, Mikroprozessorsteuerungen, Analysetools und Unterdrucksysteme zum Einsatz. In der Fertigung wird vermehrt auf 3D-Druck, Scantechnologien und datenbasierte Softwareprogramme zur Schaftgestaltung hingearbeitet.
Diese Entwicklungen können helfen, Versorgungen genauer zu planen, Bewegungen besser zu analysieren und Prothesen individueller an den Menschen anzupassen.
Unterdruck- und Vakuumsysteme
Unterdruck- und Vakuumsysteme sollen die Verbindung zwischen Stumpf und Prothese verbessern. Ziel ist es, Bewegungen im Schaft zu reduzieren, die Kontrolle zu erhöhen und den Sitz der Prothese zu stabilisieren. Ob ein solches System sinnvoll ist, hängt von der individuellen Stumpfsituation und dem Versorgungskonzept ab.


Rehabilitation, Interimsphase und Anpassung
Gerade in den ersten Monaten verändert sich häufig das Stumpfvolumen, die Belastbarkeit, die Muskulatur und das Gangbild. Eine gangschultherapeutische Maßnahme sowie regelmäßige Kontrollen der Prothesen sind insbesondere in der sogenannten Interimsphase, also in den ersten sechs Monaten nach Amputation, unabdingbar. Sie sollten aber auch im weiteren Verlauf immer wieder durchgeführt werden!
Nachpassungen sind ein normaler Bestandteil der Versorgung. Sie dienen dazu, den Sitz, die Belastbarkeit und die Funktion der Prothese an körperliche Veränderungen und neue Anforderungen anzupassen. Eine Prothese, insbesondere der Prothesen Schaft, ist immer eine Momentaufnahme und muss bei sich verändernden Voraussetzungen zwingend nachgepasst werden.
Alltag mit Beinprothese
Viele Menschen können mit einer modernen Beinprothese wieder große Teile ihres Alltags selbstständig bewältigen. Dazu gehören je nach individueller Situation Gehen, Treppensteigen, Arbeiten, Autofahren, Reisen oder Freizeitaktivitäten.
Welche Möglichkeiten bestehen, hängt immer von der Amputationshöhe, der körperlichen Verfassung, der Versorgung, dem Training und den persönlichen Zielen ab.
Sport mit Beinprothese
Mit entsprechenden körperlichen Voraussetzungen, nach abgeschlossener Rehabilitation und individuell angepassten Prothesen ist es möglich, wieder aktiv Sport zu treiben.
Welche sportlichen Aktivitäten möglich sind, hängt unter anderem von der Amputationshöhe, der körperlichen Verfassung und der individuellen Versorgung ab. Für bestimmte Sportarten können spezielle Sportprothesen erforderlich oder sinnvoll sein.
Badeprothesen und wasserfeste Versorgung
Neben klassischen Alltagsprothesen existieren spezielle wasserfeste Versorgungslösungen. Diese können zum Beispiel beim Duschen, im Schwimmbad, am Strand oder in anderen feuchten Umgebungen genutzt werden. Die konkrete Versorgung richtet sich nach Alltag, Sicherheit und medizinischer Notwendigkeit.

Hersteller moderner Beinprothesen
Im Bereich der Beinprothetik gibt es verschiedene Hersteller mit unterschiedlichen Technologien, Passteilen und Versorgungskonzepten. Dazu gehören unter anderem Ottobock, Össur, PROTEOR, Blatchford, Teufel und Neuhof. Zudem gibt es eine Reihe von Distributoren auf dem Markt, sowie Firmen, die sich auf einzelne Komponenten oder Problematiken, wie z.B. dem Phantomschmerz oder speziellen Vorfußprothesen konzentrieren und eher Nischen des Markts bedienen.
Die verwendeten Fuß- und Kniegelenkspassteile sowie die dazugehörigen Adapter und Verbindungselemente, werden gemeinsam mit dem Orthopädietechniker individuell ausgewählt und an die persönlichen Anforderungen angepasst. Entscheidend ist nicht allein der Herstellername, sondern die Frage, welches System zur konkreten Versorgungssituation passt.
Der Orthopädietechniker baut alle Komponenten nach Kostenübernahmeerklärung durch eine Krankenkasse oder den Kunden selbst zusammen. Nach abschließender Kontrolle und Empfangsbestätigung durch den Betroffenen, wird die Prothese ausgehändigt und geht in den Besitz dessen über.
Eine Prothese, insbesondere der Prothesen Schaft, ist immer eine Momentaufnahme und muss bei sich verändernden Voraussetzungen zwingend nachgepasst werden.
FAQs zu Beinprothesen
Kann man mit einer Beinprothese wieder laufen?
Viele Menschen können mit entsprechendem Ehrgeiz, Rehabilitation und einer modernen Prothese wieder selbstständig laufen und ihren Alltag aktiv gestalten.
Wie lange dauert die Eingewöhnung?
Die Eingewöhnung ist individuell unterschiedlich. Sie hängt unter anderem von der Amputationshöhe, der körperlichen Verfassung, der Schaftpassform, dem Training und der Erfahrung mit der Prothese ab.
Wie lange hält eine Beinprothese?
Die Haltbarkeit hängt von Nutzung, Belastung, Komponenten und den jeweiligen Herstellervorgaben, Wartung und körperlichen Veränderungen ab. Regelmäßige Kontrollen sind wichtig, um Sicherheit und Funktion zu erhalten. Siehe auch: Garantien in der Prothetik.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
In den meisten Fällen übernehmen Krankenversicherungen oder Berufsgenossenschaften die medizinisch notwendige Versorgung mit einer Alltagsprothese. Je nach individueller Situation kann auch die Versorgung mit einer Badeprothese übernommen werden. Bei Schulpflichtigen ist zur Teilhabe zudem die Übernahme einer Sportprothese möglich.
Muss eine Prothese regelmäßig angepasst werden?
Ja. Gerade in der ersten Zeit verändert sich der Körper häufig noch deutlich. Deshalb sind regelmäßige Kontrollen und Nachpassungen wichtig. Auch später können Anpassungen notwendig werden, wenn sich Alltag, Belastung oder Stumpfvolumen verändern.
Kann man mit einer Beinprothese duschen oder schwimmen?
Mit einer normalen Alltagsprothese ist Wasser in der Regel problematisch. Dafür gibt es spezielle wasserfeste Versorgungen oder Badeprothesen, die je nach Situation eingesetzt werden können. Klassisches Bahnen schwimmen machen die meisten Amputierten ohne die Prothese, trotzdem sollte eine wasserfeste Prothese zum Duschen und für den Weg zum Beckenrand vorhanden sein.
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